Träfe man ihn auf der Straße, würde man Al Sheahen schüchtern nennen. Der Kalifornier, einer der Protagonisten der Masters-Leichtathletik, geht eher selten aus sich heraus, ist kein Show-Man. Als Herausgeber und Kolumnist kümmert er sich um die US-Sportzeitschrift National Masters News ("NMN"), die er in den 70er Jahren gründete. Seit Jahrzehnten verbindet die Zeitschrift in den USA alle Sparten der Masters-Leichtathletik und hat bei alledem Aussehen und Organisation kaum geändert. Obwohl Al Sheahen nicht mehr der Eigentümer der weltweit auflagenstärksten Masters-Zeitschrift ist (sie wurde vor ein paar Jahren an den Rodale-Verlag verkauft, in dem auch 'runners world' erscheint), ist die "NMN" immer noch sein "Kind". Die neueste NMN Ausgabe August 2001 enthält jetzt etwas gänzlich Neues. Damit bildet sie in gewisser Weise eine Zäsur. Al Sheahan hat in seiner Herausgeberkolumne zum ersten Mal offen zur Masters-Verbandspolitik gesprochen. Mit wohlgesetzten, deutlichen Worten kritisiert er scharf die Entwicklung der Masters-Leichtathletik im Blick auf die WM in Brisbane und den für diese Entwicklung verantwortlichen Weltverband WAVA, der jetzt World Masters Athletics heißt, WMA.
Sheahen prangert es als reine Heuchelei an, dass die Veranstalter der
WM in Brisbane behaupteten, ihnen habe in erster Linie die Masters-Athleten
am Herzen gelegen habe. Seine Kritikpunkte:
1. Brisbane,
Gastgeber der jüngsten Masters-WM, nahm mindestens etwa 25 Mio DM
durch Athleten und Besucher der WM ein, brach aber mit einem Kosten-runter-Programm
Zusagen und Versprechungen für die Athleten. So gab es keine kostenlosen
Pendelbusse zwischen Hotels und Wettkampfstätten und auch sonst viel
zu wenige Informationshinweise für die Athleten. Dem häufig pathetischen
Bericht von Resultaten der Wettkämpfe folgte die Absage der Abschlussveranstaltung.
"Es wurde versprochen, gemeinsam `Waltzing Matilda ' zu singen und
das fiel dann aus." Sheahen zitiert den Chef des Organisationskomitees
der nächsten WM 2003 in Puerto Rico, Gilberto Gonzalez, zu den Erfahrungen
von Brisbane: "Die Spiele sind vorüber, wir haben Ihr Geld und
Tschüss. Es war schrecklich. In Puerto Rico werden wir das nicht machen."
2. In der Generalversammlung fand keine wirkliche Debatte um den Austragungsort der übernächsten WM 2005 zwischen den drei Bewerbern. Am Ende wurde San Sebastian, Spanien ( mittendrin im vom Terrorismus erschütterten Baskenland und trotz der oberflächlichsten Darstellung aller drei Bewerber) anstelle von Helsinki und Sacramento gewählt. Sheahen: "Die Bewerber Helsinki und Sacramento wurden geradezu schäbig behandelt. Alle Bewerber mussten den ganzen Tag warten und bekamen dann nur 20 Minuten , um sich zu präsentieren. Das waren ernsthafte, engagierte Leute, die schon sehr viel Geld aufgewendet hatten, um die Bwerbung vorzubereiten und nach Brisbane zu kommen. Dennoch bürstete die WAVA sie beiseite mit einer Arroganz, die zu sagen schien: 'Wir haben mehrere Bewerbungen. Wir müssen weder zu Ihnen oder sonst wem nett sein.'" Eine solche Haltung wird sich vielleicht noch einmal rächen. Die Vertreter der finnischen Hauptstadt beispielsweise waren über die Behandlung regelrecht wütend: "Bei einer solchen Sache werden wir nie mehr mitmachen"
3. Immer mehr setzt sich im Weltverband eine Politik der verschlossenen Türen durch. So wurden Berichte der Gremienvertreter nie veröffentlicht. Ein amerikanischer Delegierter wurde gleich aus drei Ausschusssitzungen herausgeworfen. Die WMA hat immer noch nicht alle Details benannt, warum eigentlich die WM 2003 dem Ausrichter Kuala Lumpur entzogen wurde. Und "bei den Frauen war es ein völliges Geheimnis, ob die neue Vorsitzende durch die bisherige Frauenversammlung oder das neue Frauenkomitee gewählt werden würde. Oder sollte die bisherige Vorsitzende Bridget Cushen für zwei weitere Jahre weitermachen ? Oder vier Jahre? Niemand wusste etwas."
4. Das Wettkampfrichter bei den WM waren im großen und ganzen ok,
aber es gab auch große Schattenseiten. So wurden acht erfahrene 400m
Läufer, einschließlich dreier Titelanwärter, über 400m
disqulifiziert. In den Staffeln wurden gleich 17 Teams disqualifiziert,
zum teil für lä#cherliche Regelverletzungen. Außerdem hatte
WAVA damit gedroht, Teilnehmer am Marathon zu disqualifizieren, würden
sie eine Gehpause einlegen.
Sheahen's Meinung: " Den
Kampfrichtern und Offiziellen sollte klar gemacht werden, dass die Masters-WM
nicht Olympische Spiele sind, sondern ein fröhlicher, schöner
Wettkampf von Altersklassensportlern. Natürlich müssen Regeln
beachtet werden, aber Gerechtigkeit und gesunder Menschenverstand dürfen
dabei nicht auf der Strecke bleiben."
5. Die Delegierten der Generalversammlung bekräftigten zwar die Anti-Doping-Regeln des IAAF, ohne aber die Frage anzugehen, ob und welche Ausnahmen für solche Altersklassen-Athleten notwendig sind, die aus medizinischen Gründen Medikamente mit Substanzen nehmen, die auf der Liste der verbotenen Pharmazeutika stehen, weil sie sie für beschwerdefreie Lebensverhältnisse brauchen. Sheahen: "Masters sollten solange von den rigiden Kontrollen freigestellt werden, bis mehr Daten über altersbedingte Medikation vorhanden sind. Aber eine solche Diskussion wurde gar nicht erst geführt.
6. Der WMA-Beschluss für Nationaltrikots, ist, so Sheahen, eine 180°-Wende zu früheren Tagen , als die WAVA gezielt versuchte, weg vom Nationalismus zu kommen, der viel zu sehr die Leichtathletik geprägt hat.
7. Vip-Funktionen grenzten in Brisbane überall aus. Einfache Athleten
mussten fast den Eindruck bekommen, nicht willkommen zu sein: "Mindestens
ein Mitglied des WAVA-Präsidiums wurde durch das ostentative ViP-Schild
regelrecht in Verlegenheit gebracht. Das alles sah aus nach Adel gegen einfache
Leute, eine "Wir-" gegen "Die da-"Mentalität, also
etwa genau das Entgegengesetzte von dem, was WAVA sein soll."
Al Sheahen meint, einige dieser Probleme seien sicherlich darauf zurückzuführen, dass die WMA sehr von Europa geprägt sei. Ohne es ausdrücklich zu sagen, wirft er die Entwicklung auch der WMA-Führung um den schwedischenWMA-Präsidenten Torsten Carlius und Vizepräsident Tom Jordan (USA) vor. Oder ist dies alles das Herummäkeln eines frustrierten Pfennigfuchser, dem jüngst die WMA einen 300$ Monatsscheck für seine NMN gestrichen hat ? Das wäre sicherlich eine viel zu einfache Analyse. Denn der NMN-Herausgeber Al Sheahen ist ein zu wichtiger Mann der Masters-Leichtathletik, um seine kritik einfach beiseite zu legen. Als Ex-WAVA Schatzmeister kandidierte er vor vier Jahren im südafrikanischen Durban für den WMA-Vorsitz und unterlag dem Schweden Torsten Carlius.
Al Sheahan gibt am Schluss seiner NMN-Kolumne ein eigenes Fazit: " Die Väter der Masters-Leichtathletik hatten klare Ziele: partnerschaftliche Wettkämpfe, Gleichheit , Fairness. Die Ziele sind umgekehrt in Nationalismus, Elitedenken und Geheimhaltung. Vieles von dem, was wir wollten, ist noch da. Aber es sind auch viele Gegensätzlichkeiten in das Programm gekrochen. Es ist nicht derselbe mehr. Möglicherweise sollten wir dankbar sein, dass immer noch in unserer Generalversammlung offen abgestimmt wird, und zufrieden sein, dass nicht erwartet wird, den Präsidenten mit "Eure Exzellenz" anzusprechen, wie dies in IOC-Kreisen die Regel ist Vielleicht ist alles in Ordnung mit den Athleten ebenso wie mit vielen Delegierten der Generalversammlung. Schließlich meinten auch viele Athleten em Ende, es sei eine gute WM in Brisbane gewesen. Mglicherweise merkt auch keiner etwas, so lange wie es eine Laufbahn, einen Starter und am Ziel eine Zeitnahme gibt. Aber wir sollten aufpassen. Die neue WMA muss genau hinschauen und sich fragen, was läuft und wohin die Entwicklung geht. Denn nichts ist ewig." (10.08.01)